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Weinsorten

 

Urweine und Urgestein

 

Der Wein hat viele Seelen, und viele Weine hat das Land im Gebirge. Doch einige sind die ureigensten, die Jahrhunderte überlebt haben, manche teilen sich die Berühmtheit mit dem Land, in dem sie wachsen. In Südtirol gibt es drei Rebsorten, deren Weine die Seele der Menschen kennen und deshalb sind sie auch so verwurzelt mit der Heimaterde und mit den Herzen der Weinliebhaber ( mit dem Terminus „autochton“ kann mancher, der nicht Altphilologie studiert hat, nicht besonders viel anfangen).
Die drei Weine sind der feine Gewürztraminer, der füllige Lagrein und der Alleskönner, der Vernatsch. 


Wenn man dem Geschichtsschreiber Sueton in seinen „Lebensgeschichten der römischen Kaiser“ glauben schenken will, war der Wein aus Terminum schon bei Hof bekannt und auch im Mittelalter wird Tramin 1214 erstmalig als Weinort urkundlich erwähnt. Heute wird der Gewürztraminer Weißwein weltweit angebaut und interessanterweise immer unter seinem ursprünglichen Namen. Je nach Anbaugebiet, ob im Elsass, an der Elbe, in Tschechien oder Übersee, er ist mehr oder weniger feinblumig, etwas trockener oder etwas weicher, aber immer hat er jene geschmacklichen Grundtöne, die ihm eigen sind. Aber als klassisches Anbaugebiet für den Traminer ist Südtirol. Die feinblumige Zartheit, die sortentypisch bukettierte, trockene Frische, das wuchtige Bukett macht aus dem „Gewürzer“ wie ihn die Traminer gerne nennen, einen der gesuchtesten und auch teuersten Weine im Lande. Und man leibt ihn wie zu Scheffels Zeiten, der auf Schloss Runkelstein folgende Verse genüsslich hinschrieb:
Im Rittersaal am hohen Kamin
Saß lang ich in Sinnen versunken
Und habe im feurigen Wein aus Tramin
Des Vintlers Gedächtnis getrunken. 


Schlägt man in den Satzungen der 1925 „ registrierten Genossenschaft m.b.H. zum Schutze des Original = Lagrein = wein Bozen = Gries mit dem Sitze in Gries“ nach, kann man daraus entnehmen, was die Marken – und selbstbewussten Grieser Bauern unter Anbaugebiet verstanden und meinten:“ Die Grenzen des Produktionsgebietes des geschützten ( und geschätzten Anm. der Red.) Original = Weines umfassen die Ablagerungsböden der Talfer und des Katzenbaches nebst einigen auserwählten Gütern im Gemendergebiet Bozen = Gries, die mit der Lagreinrebe bepflanzt sind.“ 


Das ist ein wesentlicher Punkt, denn Boden, Kleinklima, Reb – und Weinkultur machen erst aus einer Sorte das, was sie eigentlich sein soll. Die Ablagerungsböden der Talfer und des Katzenbaches haben im Laufe der Zeit Kalke, Granite, eiszeitliches Gletschererosinsmaterial und vor allem Bestandteile des Urgesteins aus der großen Bozner Porphyrplatte, fein aufgemahlen, in sich aufgenommen. Damit bilden sie den Humus für die Lagreinrebe. Ähnliche geologische Bedingungen gibt es auch in weiteren Anbaugebieten im Etschtal, denn die von Bozen ist eine der größten Porphyrplatten der Welt. Und die Farbetöne des Porphyrs schimmern immer durch , wenn man den Lagrein in einem Kristallglas dem Licht entgegenschwingt. Der Porphyr hat viele Farben, je nach Gegend und Tageszeit, die gehen vom Orthoklasrot bis zum Flieder, von matt bis leuchtend. Und dann die Wellen an Gerbstoffen, etherischen Ölen und Tanine, die sich am Bauch des Glases bilden, als wäre ein Hauch Glyzerin auf der Pupille des Betrachters. Der Lagrein ist dunkel, sehr dunkel. Deshalb ist es unter Insidern nicht unflätig, wenn man in einschlägigen Oenotheken und Gasthäuser ein mal LSD bestellt. Meistens wird man richtig verstanden, wenn nicht, hat man dem Wirt Informationsvorsprung vorexerziert. Es gibt jedoch nicht nur die LSD – Version des Lagrein – Weines, es gibt sogar eine helle Version, den Lagrein – Kretzer, praktisch ein Roseé, eine alte Praxis. Die Trauben wurden durch die Kretze, durch ein Korbgeflecht gepresst und somit verlor die Maische einen großen Teil der in den Schälen enthaltenen Farbstoffe und bleib heller. Der beruhigenden Gerbstoffe etc. beraubt, hat der Lagrein – Kretzer die Eigenschaft, die Menschen irritierbar und streitsüchtig zu machen. Kaiserin Maria Theresia hat ihn sogar verboten, wegen der Raufereien und Messerstechereien in Wirtshäusern und Weinkellern. Der Kretzer ist heute nicht mehr so in Mode, aber er hat seine Liebhaber. Für den Lagrein Dunkel jedoch gilt immer noch:
„Dunkler, samtiger Lagrein
Erfreut das Herz, macht Menschen fein.“ 


„Bacchus amat colles“, der Wein liebt die Hügellagen, dozierte schon der heilige Benedikt von Nursia, der Vater aller Mönche und Schutzpatron Europas. Und der Vernatsch ist in diesem Sinne eine besonders benediktinische Rebsorte, die ganz besonders die Leiten, die steil an die Hänge gelehnten Lagen besonders liebt. Ganz egal ob es nun ein Großvernatsch, ein Grauvernatsch oder ein Tschaggele – Vernatsch ist, schon die Namen der Lagen sprechen Bände : Der Küchelberger wächst an den Hängen ober Meran, der St. Magdalener am steilen Moränenhügel ober der Bozner Stadt, In Leitach brauchen die Hühner beinahe Steigeisen um nicht abzurutschen, die besten Lagen des Kalterer Sees sind die Ölleiten, die sich an die Hänge des Mendelstockes schmiegen und der Eppaner Justiner reicht hinauf bis zum Wald unter dem Gandkofel. Alles Vernatsch in seinen verschiedenen Spielarten, seit Menschengedenken die in Südtirol am meisten angepflanzte Rebsorte. Der Vernatsch – Wein ist der Zechwein schlechthin. Mit seiner Rubinrot mit Granateinfluß getönten Farbe erfreut er gleich das Auge, das Bukett ist fruchtig und frisch, besonders beim St. Magdalener und beim Kalterer See spürt man einen feinen Mandelgeruch heraus. Die Vernatschrebe gehört zu den sehr ertragreichen Sorten, doch die Weinbauern der letzten Generation haben den Flächenertrag drastisch herabgesetzt und dadurch eine beachtliche Qualitätssteigerung erreicht. Trotzdem ist der Vernatsch ein Wein für alle Stunden, ein Wein für alle Tage. Er passt zu Fleisch und „rotem“ Fisch, er ist bekömmlich und süffig trotz reicher Aromastoffe. Am besten schmeckt er jedoch zu einem „Halbmittag“ oder einer „Marende“ mit Speck, Kaminwurz und Almkäse. Er macht gesellig und froh und mit einem guten Vernatsch kann man straflos sündigen, das steht sogar im Jus Potandi, dem Zechrecht des Blasius Multibibus von 1616. 


Zum Abschuss :
„Vernatsch, Traminer und Lagrein,
Tun Sonnenschein INS Herz hinein !“
J.B.L.

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